Interview mit Felix Plum: Mehr Sicherheit für Pflegebedürftige in den eigenen vier Wänden

Felix Plum ist Software Engineering Lead bei der syno IQ GmbH. Bei der 2. Clusterkonferenz „Zukunft der Pflege“ hat seine Firma den Innovationswettbewerb mit dem Assistenzsystem synoSense Care gewonnen.

© syno IQ/Thi Thu Huong Pham

Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Innovationswettbewerbs bei der 2. Clusterkonferenz „Zukunft der Pflege“! Den Preis haben Sie für Ihre Entwicklung eines ganzheitlichen Assistenzsystems erhalten. Was macht Ihr Assistenzsystem ganzheitlich?

SynoSense Care basiert auf einem modularen Konzept. Wir betrachten uns als offenes System und integrieren uns heute bereits in bestehende „Ambient Assisted Living“ (AAL) Lösungen. Dabei integrieren wir in das gleiche Produkt verschiedene Sicherheits- und Komfortfunktionen, die individuell und passgenau auf die Bedürfnisse der Nutzer eingestellt werden können. Unser System ist unter anderem in der Lage, Gefahrensituationen wie Stürze und Inaktivität zu erkennen und einen Notruf auszusenden. Gleichzeitig kann eine Aufsteherkennung mit einem vorhandenen Nachtlicht interagieren. Auch eine gestenbasierte Rollladen- und Lichtsteuerung wird es geben. Aus technischer Sicht wollen wir also bestehende Sensorik in einem einzigen, leistungsfähigen System zusammenfassen und in bestehende Systeme integrieren.

Den Pflegebedürftigen sollen dadurch Autonomie und ein Sicherheitsgefühl zurückgegeben und eine Erleichterung des Alltags ermöglicht werden – ob privat oder im Pflegeheim.  Das Pflegepersonal soll eine Erleichterung erfahren, indem Routinegänge reduziert werden können.

Was genau zeichnet die Sensorik des Assistenzsystems auf und wie werden die Daten übermittelt?

SynoSense Care verarbeitet die Bilddaten ausschließlich lokal. Es findet also weder eine Aufzeichnung noch eine Übertragung von Bilddaten in die Cloud statt. Nur anonymisierte Metadaten verlassen das System über eine sichere WiFi-Verbindung, um mit dem Hausnotrufsystem zu kommunizieren – dies sind Meldungen wie „Person ist inaktiv seit 4 Stunden“ oder „Person ist gestürzt“.

Sie verwenden Lösungen aus dem Bereich des maschinellen Lernens. Gab es bei der Entwicklung des Assistenzsystems ethische Bedenken für den Einsatz dieser Technik?

Ethische Gesichtspunkte stehen bei der Entwicklung an erster Stelle. Neben ideellen Gründen spielt Pragmatismus eine Rolle: Ein einziger Datenskandal würde das Vertrauen in unsere Technik zerstören. Daher ist für uns eine grundlegende Designentscheidung die lokale Verarbeitung. Wir setzen bewusst keine externen Cloud-Lösungen für die KI ein.

Was tun Sie, um die Privatsphäre der Patientinnen und Patienten zu schützen?

Wir verarbeiten sensitive Bildinformationen grundsätzlich lokal, sie verlassen unser System nicht. Es werden keine persönlichen oder identifizierenden Informationen über synoSense Care verteilt. Außerdem lassen wir unser Produkt durch externe, unabhängige Gutachter technisch und ethisch prüfen. Die Nutzerinnen und Nutzer werden ausführlich über die genaue Funktionsweise informiert und aufgeklärt.

Welche Erfahrungen konnten Sie mit synoSense Care in der Pflegepraxis sammeln?

Wir konnten bereits erfolgreich in Praxistests zeigen, dass synoSense Care auch bei Herausforderungen wie Verdeckungen, Haustieren in der Wohnung oder auch in Mehrpersonenhaushalten zuverlässig funktioniert. Dabei hat sich gezeigt, dass synoSense Care gegenüber herkömmlichen Systemen mit Bewegungsmelder deutliche Vorteile hat. Kritische Situationen werden zuverlässiger und schneller erkannt.

Erzählen Sie uns etwas über Ihre Motivation ein ganzheitliches Assistenzsystem zu entwickeln und von Ihrer Vision für die Zukunft.

Die Motivation entspringt aus persönlichen Erfahrungen. So sind es unsere Großeltern, welche die bestehende Technik zu kompliziert finden, andererseits sturzbedingt großes Leid und Unsicherheit im Alltag erfahren haben. Unsere Vision ist es, ein leistungsfähiges System von Menschen für Menschen zu entwickeln. Es soll Pflegebedürftigen mehr Sicherheit und Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden geben. Unser Produkt soll dafür sorgen, dass Pflegebedürftige länger in ihrem Zuhause leben können. Damit möchte die syno IQ GmbH einen gesamtgesellschaftlichen Beitrag leisten.

Wir denken auch, dass wir als Firma nicht alles alleine stemmen können. Wir glauben daher an offene, sichere und transparente Plattformen in der Altenpflege, in die wir uns integrieren. Aktuelle Systeme sind komplex: Viele proprietäre Einzelsysteme mit unterschiedlichsten Anbindungen und Verwertungskonzepten. Außerdem niedrige Ortsauflösung, was zu hohen Fehldetektionsraten und Vertrauensverlust in die Technik führt. Ein datenschutzrechtlich unbedenklicher Sensor ist wertlos, wenn er aus vielerlei Gründen nicht zum Einsatz kommt. Wir dagegen nehmen bestehende State-Of-The-Art Verfahren aus der Bildverarbeitung und sehen unseren Beitrag darin, Datenschutz- und Usability-Probleme zu lösen.

 

Weitere Informationen:

Nachbericht zur 2. Clusterkonferenz „Zukunft der Pflege“

Pressemitteilung
Innovationswettbewerb 2. Clusterkonferenz „Zukunft der Pflege“ (https://www.pgdiakonie.de/aktuelle-meldungen/intelligente-sensorik-gewinnt-innovationswettbewerb/)

Cluster „Zukunft der Pflege“

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